Hajo Schiff

o.T.
Magazin für Kunst, Architektur, Design, Oktober 2006

"Spiel mit den Stilen"
Stadtraum: Eingefangen mit Pinsel, Sprühdose und Kamera
galerieXprssns, 6.10.-16.12.06


Die Architektur wird dem jungen Hamburger Künstler Mark Matthes zur Flächenform. Gleich ob in seinen Malkollagen oder in seinen auf die Abstraktion zielenden Fotos von menschenleeren Baustellen, Fabrikhallen oder Siedlungen aus den 70er Jahren.

Konsequent gleichwertig mit Malerei und mit Fotografie arbeitend interessiert ihn, wie die Wahrnehmung über die verschiedenen Ebenen des Materials zu einem speziellen Bild findet.

Fotografie bildet ja die Raumschichten stehts als Oberfläche ab - ein fotografischer Blick macht Architektur zur Kulisse. So werden die banalen Motive seiner Fotos zu komponierten Bildern, die gemalten Bilder dagegen zu realen Orten.
Denn seine handgemalten Bildobjekte baut er wie Architekturen im Materialmix zwischen Ölfarbe mit Pinselduktus, industriell glattem Sprühlack und Filzstiftlinien auf die beiden Seiten einer Acrylglasplatte. So drückt sich der bei der Fotografie meist gar nicht bemerkte stete Wechsel zwischen Realismus und Abstraktion in den Bildern von Mark Matthes schon direkt im Material selbst aus.
Es ist ein intelligentes Spiel mit den Stilen, das zu einem gelungenen eigenen bildhaften Ausdruck findet.

 

Hajo Schiff

Sichten und Schichten: Raumfragen.

2007

 

Wo fängt ein Bild an und wo sind die Grenzen des Bildraumes? Wie viel Komplexität ist zu entschlüsseln? Im Alltag gelingt es meist, sich zu orientieren: Trotz einer verwirrenden Menge von Signalen kann der moderne Bürger weitgehend eine Reklametafel von einem Verkehrschild unterscheiden, versteht er den Sinn von fast magisch auf Asphalt markierten Dreiecken und rennt nicht in jede Spiegelung. Aber die modernen Zeiten stellen hohe Anforderungen an schnelle Wahrnehmung und unterschiedliche Reaktionen, ohne dass man sich dabei immer bewusst ist, woher manchmal die Migräne kommt.

Die Phänomene der Informationsüberlagerungen und der stadträumlichen Schichtungen von Formen sind grundlegend für die Kunst von Mark Matthes. Harte Kanten und weiche Übergänge, Brüche und Additionen, realistisches Abbild und abstraktes Zeichen überlagern sich in seinen synthetischen Stadtportraits vor und hinter einem durchsichtigen Bildträger. Doch damit nicht genug: in die Bildtiefe hinein und in den Betrachterraum hinaus finden sich zusätzliche Weiterungen in Schattenmotiven und einer  durchaus gewollten  Spiegelung. Denn oft kommt zu einer Spiegelung, die möglicherweise sogar Anlass für das Bildmotiv war, eine weitere hinzu, die eher zufällig sich in Teilen der unbemalten Plexiglasoberfläche findet. So lassen die Raumschichten die Wahrnehmung über die verschiedenen Ebenen des Materials zu einem eigenen multiperspektivischen Bildraum finden.

 

Mark Matthes arbeitet mit Schärfe und Unschärfe, mit einer unterschiedlichen Fokussierung, mit Spiegelungen und Doppelbelichtungen, mit Ausschnitten und Collagen. Sein malerisches Vokabular lässt sich mit Worten beschreiben, die aus der Sprache der Photographie stammen. Und in diesem Sinne sind dann auch seine Photoarbeiten durch einen malerischen Blick geprägt. Zwar hat ein photographisch gewonnenes Bild in der Wahrnehmung immer noch den Bonus, mehr oder weniger authentisch einen realen Ort wiederzugeben, doch ein geschärfter Blick findet so manche Ecken und Markierungen von starker Seltsamkeit, bei denen zwar die photographietypische Einheit des Ortes gewährleistet ist, die ins Bild gesetzten Raumschichtungen aber trotzdem zweifelhaft werden. Ist das nur ein Baumarkt-Display oder erfüllt das einen bislang ungeahnten Nutzen? Ist das berhaupt real, was da zu sehen ist? Und wenn ja, was soll das bedeuten?

Malerei erfordert immer eine Orientierung vor dem Bild. Aber auch die Wahrnehmung eines Dokuments des Realen kann die Frage nach der Realität der Wahrnehmung stellen.

 
 

Nora Sdun

Zur Ausstellung im „Foyer für junge Kunst“

Hypo-Vereinsbank Harburg, 24.04.-13.07.2007

Jede Schicht hat eine bestimmte Aufgabe, jeder Stand seine bestimmte Zuortnung, jeder Sachbearbeiter seinen bestimmten Arbeitsplatz, jede Schicht hat ihre bestimmte Formung. Das ist Soziologie und langweilig wird sie nie, denn die zu beobachtenden Phänomene sind ständiger Veränderung unterworfen.

Wenn so etwas nun auf Glasplatte gemalt ist, kann man durch alle Schichten hindurchblicken, anders als bei gesellschaftlichen Organisationsstrukturen. Aber der Gedanke drängt sich auf, daß Vor- und Hinterglasmalerei auch deshalb eine gewisse Attraktion hat, da man die einzelnen Schichten als voneinander separierte wahrnehmen kann, aber doch ein ganzes Bild vor Augen hat.

Anders als bei sozialen Fragen, wo man nie eine Schicht sauber von der anderen trennen kann, und ein ganzes Bild bekommt man so auch nicht zustande, da man als Bürger ja immer selbst in dem sich beständig änderndem Bild der Gesellschaft steht, von welchem man sich womöglich einen Eindruck verschaffen möchte.

 

Die Durchdringungen der einzelnen Flächen auf den Bildern von Mark Matthes lassen sich bei näherem Hinschauen voneinander lösen, wie fein geschnittener Parmaschinken, der, mit Plastikfolie voneinander getrennt, übereinander geschichtet ist. Gar so konkretistisch geht das bei den Bildern von Mark Matthes zwar nicht mehr zu, sie sind auch nicht essbar, aber vor allem sind sie längst trocken und verweigern sich sozusagen der elastischen Umorganisation. Wobei ihr Reiz tatsächlich in dem Zusammenlaufen der Schichten beim Zurücktreten, und dem wieder Auseinanderfallen beim Nähertreten besteht. Man betreibt also eine Art Pendelbewegung vor den Bildern, und wenn man nicht für einen geistesgestörten Hospitalismuskranken gehalten werden will, hängt man die Bilder am besten so auf, daß man unweigerlich auf sie zulaufen muss.

Während der Entstehung eines solchen Bildes muss man sich konzentrieren auf die genaue Abfolge der Arbeitsschritte. Die Bildkonzeption beginnt bei Mark Matthes also lange vor dem Malen, da man sich vorher darüber im Klaren sein muss, was viel später nach der Fertigstellung des Bildes zu sehen sein soll. Denn wenn man hinter Glas malt, wird die erste Schicht die oberste bleiben und alle weiteren werden dahinter liegen. Korrekturen lassen sich nur noch von der Vorderseite also auf der anderen Seite der Glasplatte anbringen. Dort kann man etwas verdecken und sozusagen klassische Malerei betreiben. Schicht auf Schicht und erst in der Letzten bringt man das Glanzlicht, das genialische

i-Tüpfelchen. Hier ist es erstmal andersherum und man beginnt mit dem genialischen i-Tüpfelchen und vervollständigt dazu dann den Gesammteindruck.

Es gibt also diese Kippmomente in den Bildern, Vorder- Hintergrund, verdecken und betonen einer früheren Schicht, ein Abgattern des Konkreten gegenüber der Emphase des freien Farbgewühls beispielsweise – jeweils auf der anderen Seite versteht sich. Die Schichten vermischen sich nicht, gehen aber räumliche Konstellationen ein. Auch der Schatten, den die Farbflächen auf die dahinter liegende Wand werfen, oder in den Bildkasten in dem die Glasplatte schwebt, müssen in der Komposition bedacht sein.

Die Kippmomente werden, je länger man die Bilder betrachtet, immer deutlicher. So zuforderst der Wechsel des Patterns, des abstrakten Musters, der vom abstraken Häkelwerk zum konkreten Verladekranarm wird, der aber seine transportierte Last sogleich wieder leichter macht als Luft, die Illusion der Last preisgibt, da sich statt eines hängenden Containers in Ölfarbe nur ein weisses zu füllendes Fragezeichen im Glas zeigt.  Weiss ist der Container, weil die Wand weiss ist. Wenn Sie das Bild ungerahmt auf eine 70ger-Jahre Tapete hängen würden, hätten sie eine schwebende Hippiegarage – einen Versuch ist das wert.

 

Es sind also Bilder in Bildern. Einzelne Elemente können wieder neue Bilder werden. So geht Mark Matthes auch mit seinen Fotografien um. Es sind Motive, die als eigenständige Bilder funktionieren, aber eben auch Bildspender für neue Malereien werden können. Dann gibt es sogar wieder Fotos von Malereien, die neue Fotobilder werden, da die Reflektion der Welt in den Glasscheiben noch eine weitere neue Schicht in die Bilder einfügt. Eine sich drehende Spiralbewegung lässt sich so vom Künstler initiieren, und man wird auf diese Weise, Gott sei Dank, nie fertig mit der Arbeit.

Wenn Mark Matthes hier nun ein Fensterbild zeigt, von einem Fenster, durch das man garnicht nach draussen, sondern in den Raum zurückblickt, da sich in dem Bild schemenhaft ein Kontoauszugsautomat spiegelt, gehört dieser natürlich zum Bild. Man kann diese Motive nur nicht ins Bild festkleben, es sei denn Mark Matthes macht eben ein neues Bild – ein Foto davon. Als Betrachter bleibt einem allerdings nichts anderes übrig, als sich in die Veränderlichkeit der Welt, die sich in dern Bildern spiegelt, zu schicken, oder wenn man das nicht will, zum Bild eben den sich darin spiegelnden Kontoauszugsautomaten dazu zu kaufen. Die Hypovereinbank lässt da sicher mit sich verhandeln.

Mark Matthes ist vielleicht ein heimlicher Plastiker, denn es sind Tiefe Räume, die Räume in denen wir stehen, die er passiv, aber als integralen Bestandteil mit in seine Bilder hineinlässt, indem sie sich spiegeln, und schmale Räume, die er aktiv bearbeitet, indem er Flächen voreinander schichtet, vergleichbar mit einem Bühnenbildner, der Kulissen hintereinander staffelt und aus dem Himmel des Schnürbodens herabfährt.

 

Ich rate Ihnen nur noch Eines: Spiegeln Sie sich in den Bildern! Denn noch nie war es so leicht, Teil eines gerahmten Bildes zu sein, und damit sogar der ausdrücklichen Intension des Künstlers nachzugeben.

Anna Großkopf

2006

 

Die künstlerische Arbeit von Mark Matthes realisiert sich zu gleichen Teilen in den Medien Malerei und Fotografie. Großformatige Foto- arbeiten und experimentelle Hinterglasmalereien treten im Kontext der Ausstellung zu einem konzeptuellen Ganzen zusammen und behaupten sich doch als jeweils eigenständige Werke. Dabei interessiert den Künstler vor allem das Zusammenspiel der beiden Gattungen, die durch zahlreiche formale und kompositionelle Parallelen aufeinander Bezug nehmen, ohne dass einzelne Bilder einander im Sinne eines direkten Verweisungszusammenhangs zugeordnet wären.

In seinen Fotografien sucht Mark Matthes banale, anti-idyllische Orte auf: Baustellen, Fabrikgelände und Plattenbausiedlungen sind häufig die Motive seiner Bilder. Jedoch verzichten diese bewusst auf einen dokumentarischen Anspruch und sperren sich gegen jeden Versuch einer Verortung in politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen. Das Fehlen von menschlichem Bildpersonal verhindert Identifikation, während unklare räumliche Bezüge den Bildern eine Mehrdeutigkeit verleihen, die jeden Versuch einer eindeutigen inhaltlichen Interpretation fehlschlagen lässt.

Was den Künstler vielmehr interessiert, ist das Problem der Wahrnehmung: Dem Betrachter wird nahegelegt, sich von einer objektivierenden, realistischen Betrachtungsweise zu entfernen und sein Vorwissen über die dargestellten Objekte auszublenden. Durch diese phänomenologische Reduktion der Gegenstände tritt eine neue, formal-ästhetische Qualität der Bilder zutage: Die freie Komposition, in der Formen und Farben als autonome Größen betrachtet und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Fotografien von Mark Matthes transzendieren so gleichsam ihre eigenen Gegenstände und nähern sich der Abstraktion. Assoziationen zum Formenrepertoire der Moderne von Bauhaus und Konstruktivismus bis hin zur Pop Art stellen sich wie von selbst ein.

Während Mark Matthes in seinen Fotografien also einen Abstraktionsprozess vollzieht, zeugen die Malereien von einer sukzessiven Wiederan-näherung an den Bildgegenstand. Ausgehend von einer monochromen Fläche werden malerische Eingriffe vorgenommen, die den Bildraum Schritt für Schritt wieder entstehen lassen. Dabei werden die Gegenstände auf ihre wesentlichen Merkmale reduziert und erhalten annähernd emblem-atischen Charakter. Stilisierte architektonische Strukturen bilden einerseits das Gerüst des Bildraumes, um andererseits immer wieder in eine monochrome Flächigkeit zu kippen. Den Identifikationsversuchen des Betrachters wird so ein Riegel vorgeschoben, indem der Aufbau einer realistischen Bildillusion zunächst provoziert und dann systematisch gestört wird.

Die Kombination so unterschiedlich konnotierter Materialien wie Ölfarbe, Edding und Sprühlack verweist gleichzeitig auf die Entstehung eines klassischen Tafelbildes wie auf die Behandlung eines industriellen Gegenstandes. 

Diese Ambivalenz bleibt den Bildern einge- schrieben: Während die in Öl gemalten Partien den Duktus des Künstlers verraten, sind die gesprayten Bildelemente von einer vollständig anonymen Flächigkeit und Perfektion. Durch die Verwendung einer Acrlyglasplatte als Bildträger bleiben die Eingriffe des Künstlers als Schichten des Bildes sichtbar und dieses wird zum transparenten Fenster auf seinen eigenen Entstehungsprozess. So kehrt das Narrative zuletzt in die Bilder von Mark Matthes zurück, die in der Verweigerung jedes Erzählkontextes doch ihre eigenen Geschichten hervorbringen.   

Anna Grosskopf

 
 

Jean-Claude Freymond-Guth

Les Complice, Zürich, 2005

 

Mark Matthes verbindet  spielerisch die drei Medien, Malerei, Fotografie und Objekte. Er erzeugt ein erstaunliches Wechselspiel zwischen Realität und Abstraktion, Objekt und Abbild.

Für seine Ausstellung bei Les Complices hat Matthes Fotografien aus seinem letztjährigen Austauschjahr an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) in Hamburg zu Malerei auf Glas verarbeitet. Sowohl seine Fotografie als auch seine Malerei erzählt auf eigensinnige Weise von der Wahrnehmung von Orten und Gegenständen und deren vergleichenden Möglichkeiten der Darstellung. Seine Fotografie fungiert einerseits als eigenständiger Bestandteil seines Werkes, andererseits sind die Motive, meist unscheinbare Gegenstände aus dem Strassenbild die einfache Formen beschreiben, auch Möglichkeiten der Bildfindung und nicht zuletzt Analogien zu seiner Malerei auf Glas.

Der Ausschnitt und die Komposition definieren den Sinn der Dinge für das Bild. Die alltäglichen Motive lenken die Aufmerksamkeit weg von ihrer eigentlichen Bedeutung, hin zu formalen Aspekten der Betrachtung und individueller Wahrnehmung der äusseren Welt. Es entsteht ein Vergleich von Wirklichkeiten, wovon die eine durch das Finden und Betrachten einer Welt geschaffen wird und die andere durch Erinnerung, Assoziation und Fantasie.

Seine Malerei hat die digitalen Arbeitsweisen von Photoshop und der daraus entstehenden Ästhetik aufgenommen: so sampelt Matthes Ausschnitte und Motive aus seinen in Zürich oder Hamburg entstandenen Fotografien, stellt Motive frei und verfremdet sie, um sie auf Glas in mehreren Schichten malerisch neu anzuordnen. Die Arbeitsschritte bleiben bei Matthes Malerei, im Gegensatz zu digital gesampelten Bildern, als Bildschichten sichtbar und geben dem Bild eine eigene Erzählstruktur. Es entsteht keine malerische Tiefe sondern eine Schichtung von Ebenen.

Mark Matthes reduziert die Dinge auf wesentliche Merkmale oder er arbeitet sie in Form von charakteristischer Struktur malerisch oder grafisch ins Bild mit ein. Die Elemente fügen sich durch eine einfache Perspektive und realistische Größenverhältnisse zusammen. Sie stehen im Kontrast zueinander, ergänzen sich aber durch ihre Funktion im Bild zu einer Einheit.

Mark Matthes Malerei legt dem Betrachter eine bestimmte abstrakte Betrachtungsweise nahe, ohne selbst abstrakteMalerei zu produzieren. Sie beschreibt eine Gegenständlichkeit, die auf dem Weg ins Abstrakte stehen bleibt und sowohl ihren Ursprung sichtbar lässt, als auch viele Möglichkeiten der Betrachtung zur Wahl stellt. So nehmen seine Bilder zwar Bezug zur wahr- genommenen Welt, grenzen sich selber aber stark genug ab um eine eigene zubeschreiben.

Jean-Claude Freymond-Guth

Christiane Opitz

Ausschnitt aus der Rede zur Ausstellung KUNSTSTOFF

im Künstlerhaus Sootbörn - 8. Juli 2011

MARK MATTHES zeigt Objekte an der Wand und im Raum. Für seine Tafelbilder hat er verschiedene Materialien und Strukturen mitein- ander verwoben. Auf der Bildebene sind es stilisierte architek-tonische Fassaden und Innenräume, die er mit Acryl- und Ölfarbe auf einen gläsernen Träger appliziert.

Durch die Transparenz dieser ersten Bildebene scheinen die Materialien hindurch, die je nach Thema variieren. Mal ist es Teil eines Türrahmens, eine alte Transportkiste für Kunst, Reste von bemalten oder kunststoffbeschichteten Wänden – die als eine Grundschicht fungieren.

Besonders vielschichtig ist seine Wandarbeit, die Galerieräume während einer (fiktiven) Ausstellung zeigt. Doch hier geht es nicht um die an den Wänden hängende Kunst - sie ist nur ein gestalt-erisches Mittel - sondern um die Aufteilung und Sortierung des Raums. Auf zweiter Ebene dann: die Schichtung, das Ausein-anderfallen – wenn Bildebene und Hintergrund aufeinander treffen. Matthes Arbeiten machen multiperspektivische Bildräume auf. Sie spielen mit Additionen, Brüchen, Verdichtungen und Narration.

Helene Pede

Eroberung des Bildraums.

Malereien und Fotografien von Mark Matthes

2008 Kunstverein Buchholz

 

Mark Matthes, geboren 1976 in Hamburg, ist ein wahrer Stadtmensch. Die urbane Landschaft ist ihm geläufig, er ist in ihr zuhause und sie ist ganz selbstverständlich sein künstlerisches Entdeckungsareal, sein Eroberungsfeld. In ihr findet er die Vorlagen für seine Bilder. Geometrische Figuren, Räume, Flächen, Linien und darüber hinaus eine Fülle an Material, auf welches er in jedem Moment Zugriff hat. Stadtlandschaft und Architektur sind, je nach Nutzung und Bestimmung, durch besondere Gestaltungsmerkmale geprägt, die sich dem Künstler in Strukturen offenbaren. Eine Baustelle bietet andere Anhaltspunkte als die Fassade eines Krankenhauses oder der freie Blick auf eine Rasenfläche. Mark Matthes geht allen Strukturen konsequent nach, er analysiert sie und reduziert sie auf ein Minimum, verarbeitet sie in seinen Bildern. So verwirrt er den Betrachter, der nun seine Sicht von der realistischen Wahrnehmung in Frage stellen muss.

Wertfrei interpretiert Mark Matthes sein Stadtbild, das er seinem Umfeld entnimmt und versperrt gleichzeitig dem Betrachter die Möglichkeit einer Verortung. Menschenleer sind seine Bildräume, anonyme Stadtporträts, die eine seltsame Aura ausstrahlen. Sicher liegt hierin der Grund dafür, dass die Arbeiten des Künstlers sich im Spannungsfeld zwischen „sich wieder erkennen“ und „fremd sein“ bewegen. 

Die Strukturen der Großstadt sind für Mark Matthes uner- schöpfliche Quelle und Inspiration für seine Fotografie und Malerei. Gleichwertig setzt er diese beiden künstlerischen Ausdrucksformen ein und erobert sich, vom fotografischen Blick ausgehend, neue Bildräume. Diese Vorgehensweise braucht die „echte“ Vorlage nicht zwingend, sondern entwirft das Bild zunächst als Idee.

Mark Matthes verwendet für seine Malerei Acrylglasplatten als Malgrund. Er verknüpft mehrere Ebenen miteinander und schafft Bilder, die sich unserer „normalen“ Wahrnehmung entziehen. Die einzelnen Schichten der Bearbeitung bleiben sichtbar. Zusammenführungen erzeugen eine Flächenwirkung, teilweise überlagert von abstrakten Zeichen. Der Künstler kombiniert verschiedene Techniken. Flächen entstehen mit Sprühlack, mit einem Edding oder einem Lackstift, Linien ebenso. Dort, wo Ölfarbe zum Einsatz kommt, wirkt das Bild malerisch. Der Duktus beim Auftragen mit dem Pinsel bleibt sichtbar und erzeugt Strukturen. Freibleibende Flächen und Spiegelungen verstärken den Eindruck der Transparenz. Die monochromen Flächen werden zu Bildgegenstand und Bildraum. Seine Fotografien hingegen bearbeitet Mark Matthes gegenläufig, hin zur Abstraktion. Unschärfen kommen dabei heraus und damit die Hinführung auf einen besonderen Punkt.

Er führt uns auf diese Weise gekonnt Prozesse der Loslösung von der Wahrnehmung vor. Es hat den Anschein, als seien die Bilder eine Aufforderung, diese Loslösungsprozesse nachzuvollziehen. Die Bilder von Mark Matthes sind darum mehr als nur Interpretationen einer Stadtlandschaft, die mit der ihnen eigenen Ästhetik daher kommen und sich als freie Komposition zu neuen Bildräumen verdichten. Sie konfrontieren den Betrachter mit sich selbst, ja fordern ihn geradezu heraus, sich von seiner persönlichen  Sicht der Dinge zu lösen. Diese einzigartige Übersetzungsarbeit setzt Mark Matthes überzeugend mit den künstlerischen Mitteln um, die ihm vertrautes Werkzeug sind: der Fotografie und der Malerei.

Helene Pede, Hermannsburg, den 14. August 2007